Schweinfurt - Zeugenberichte

Mein Erlebnis, das ich nie vergessen werde.

Ab Mitte des Jahres 1943 ging der Krieg bei uns in der Heimat in eine besonders schwere Phase, die sich bis Kriegsende noch steigerte. Denn ab diesem Zeitpunkt griffen amerikanische Bomberverbände nun auch in Tageseinsätzen vor allem die Städte an. Den ersten Tagangriff auf Schweinfurt erlebte ich so. Mit unserem Pferdefuhrwerk war meine Schwester und ich am 17. August 1943 bei der Feldarbeit nahe der Straße nach Mörstadt wo jetzt die Autobahn durchführt. Plötzlich sahen wir, dass starke Bomberverbände im Anflug waren. In mehreren Wellen näherten sie sich. Die Luft dröhnte und zitterte und große Angst befiel uns.

Jagdflieger griffen die fliegenden Festungen an. Die Bordwaffen ratterten als sich auch schon ein Flugzeug aus dem Verband löste. Erschrocken rannten wir zu unserem Fuhrwerk. Nur erst faustgroß standen die Fallschirme am Himmel, gleich darauf explodierte die Maschine in der Luft. Uns war nicht klar ob die Bomben schnell noch ausgelöst, also geschärft wurden und uns in Stücke reißen würden. Wir waren Mitte drin, es gab kein Entrinnen. Was da herabstürzte waren vier laut heulende Motoren, Flugzeugrumpf, Tragflächen, Bomben nicht geschärft, Bordwaffen, öltank u.s.w., zusammen einige Waggon Material. In unmittelbarer Nähe von uns sauste ein Gegenstand auf die Erde und zerschellte und wie sich später herausstellte war es ein Pilot, dessen Fallschirm sich nicht geöffnet hatte. Das verängstigte Pferd mussten wir auf dem Heimweg wieder beruhigen, als da gerade einige hundert Meter weiter ein Fallschirm langsam zur Erde schwebte. Wir hielten an, der Pilot war verletzt.

Ein anderer Kamerad der in der Nähe niedergegangen war eilte zur Hilfe und löste ihn aus den Fallschirmstricken. Die linke Hand hing nur noch an einem Hautfetzen am Arm. Bald kamen einige Leute aus Abenheim unter anderem der gerade in Urlaub gekommene Jakob Müller. Nach kurzer Begrüßung und wohl auch des Verstehens bat der verletzte Pilot den Herrn Müller, er möge ihm die am Handgelenk baumelnde Hand abschneiden. Da Herr Müller nichts zum Schneiden bei sich hatte, reichte er ihm sein eigenes Messer zum abtrennen. Man verständigte sich ihn auf unserem Pferdefuhrwerk zum Arzt ins Dorf zu bringen. Die Pferdedecke wurde auf den Wagen ausgebreitet und der Verletzte nahm darauf Platz. Hinter dem Wagen schritt sein Kamerad. So fuhren wir dem Dorfe zu. Da kam angsterfüllt uns unsere Mutter entgegen und der leidvolle Anblick des verletzten machte sie stumm. Nach einiger Zeit musste auch sie ihre beiden Söhne opfern. Vor der Arztpraxis hatte sich eine größere Gruppe von Menschen angesammelt. Der verwundete Pilot wollte sich bei uns bedanken, da ihm die Worte fehlten, fuhr er mir mit seiner Hand über Arm und Schulter. Doch da stand plötzlich der deutsche Jagdflieger vor ihnen, der sie im Luftkampf bezwungen hatte und drückte ihnen sich in Respekt und Hochachtung verneigend die Hand. Alle umstehenden waren von dieser ritterlichen Geste sehr beeindruckt.

Frau Michel-Kron

Anmerkung: Der verletzte Pilot, es handelte sich um S/Sgt. Shadick, Eugene Personal Nr. 363206768 -Handverlust. Das Besatzungsmitglied dessen Fallschirm sich nicht geöffnet hatte und am Boden zerschellte: Das war der Pilot 1ST LT Koeppen, Howard O. Personal Nr.0-664406

Quelle: Edwin Hess, The Report "Code Char" Band 3 -Spurensuche/1994-