Projekt Aphrodite
Auch wenn die V-1 nicht die erste "Lenkwaffe" war, so erweckte ihr Masseneinsatz doch ein verstärktes Interesse im alliierten Lager an Waffenträgern für den einmaligen Gebrauch. überlegungen zur Verwendung unbemannter, mit Sprengstoff beladener und funkferngesteuerter konventioneller Militärflugzeuge hatte es zwar schon in verschiedenen Stäben gegeben. Angesichts der Bedrohung durch V-Waffen wurde nun diese Möglichkeit auf Vorschlag der USSTAF (Strategische US-Luftstreikräfte in Europa) von Major General Carl A. Spaatz aufgegriffen.
Major General Spaatz, Kampffliegerveteran aus dem 1. Weltkrieg, kehrte im Januar 1944 wieder nach England zurück und übernahm den Befehl über die USSTAF, in die die 8th Air Force in Bushy Park, Middlesex, umbenannt worden war und der nunmehr 8. und 15. US-Luftflotte unterstanden.
Aus veralteten oder abgeflogenen schweren Bombern sollte nicht benötigte Einsatzausrüstung ausgebaut und an deren Stelle Funkempfänger eingebaut und mit dem Autopiloten verbunden werden. Schließlich sollten die Maschinen mit ca. zehn Tonnen Sprengstoff beladen werden. Das mit Pilot und Funker bemannte Flugzeug sollte von der Besatzung normal gestartet und auf Höhe gebracht werden. Sobald dann von einem "Mutterflugzeug" (Führungsflugzeug) aus die Funkfernsteuerung übernommen war, sollte die Besatzung mit dem Fallschirm verlassen, die dann per Funk in das vorgesehene Ziel gelenkt würde.
Das rasche Aussteigen der zweiköpfigen Besatzung aus der Maschine erwies sich jedoch als problematisch, zum einen wegen der unmittelbar vor den Motoren auf der linken Rumpfseite gelegenen sehr kleine Luke und zum anderen wegen der extrem starken Strömung. Deshalb wurde zumindest bei einigen Maschinen die Luke vergrößert und vor der Luke ein Windabweiser angebracht.
AZON - Anfangs nur ein Notbehelf
Am 20. Juni 1944 unterrichtete Spaatz General Henry H. "Hap" Arnold über den Beginn des Projekts und verlangte, entsprechende Erprobungen auch in den USA durchzuführen. Daraufhin wurde an der Erprobungsstelle der US-Luftwaffe in Florida ein Programm unter der Bezeichnung "Weary Willie" ins Leben gerufen. Es scheint jedoch nur halbherzig verfolgt worden zu sein, da es kaum Auswirkungen auf die Arbeiten in England hatte.
Das Projekt Aphrodite wurde am 23. Juni 1944 durch die USSTAF befohlen mit der Maßgabe, dass die 8. US-Luftflotte Entwicklung und Erprobung durchführt. Die unmittelbar damit befasste Operational Engineering Section bezeichnete die seinerzeit für die Erprobung der lenkbaren AZON-Bombe (AZON = azimuth only; d.h. nur im Azimut lenkbar) verwendete Funksteuerung als die am besten geeignete. Praktisch stellte sie jedoch nur einen Notbehelf bis zum Eintreffen spezieller Geräte aus den USA dar.
Major Henry Rand, der technische Experte für das AZON-System, erhielt Anweisung, das AZON-Gerät in Horsham St. Faith zu lassen und sich nach Burton Wood zu begeben, während drei am AZON-System ausgebildete Besatzungen nach Bovingdon gingen, wo der erste ferngelenkte Bomber erprobt werden sollte.